Was uns nicht umbringt, macht uns stärker

Diesen Satz haben wir vermutlich alle schon einmal gehört. Er soll Mut machen und daran erinnern, dass Menschen auch schwierige Erfahrungen bewältigen können.

Doch so gut er gemeint sein mag: Er enthält auch die Erwartung, dass wir aus Krisen nicht nur wieder herausfinden, sondern anschließend sogar stärker, klüger oder widerstandsfähiger sein sollten als zuvor.

Aber muss das wirklich so sein?

Wenn aus einem Mutmacher zusätzlicher Druck wird

Eine berufliche Krise kann ganz unterschiedlich aussehen.

Eine Umstrukturierung verändert den vertrauten Arbeitsplatz, ein Konflikt belastet die Zusammenarbeit über Monate oder die Anforderungen werden so hoch, dass die eigenen Kräfte kaum noch ausreichen.

In solchen Situationen erleben Menschen möglicherweise Enttäuschung, Angst, Ärger, Unsicherheit oder Erschöpfung.

Sätze wie: „Daran wirst du wachsen.“, „Sieh es als Chance.“ sollen aufmuntern. Aber nicht jeder erlebt das so.

Natürlich können solche Gedanken hilfreich sein. Manche Menschen entdecken durch schwierige Erfahrungen tatsächlich neue Fähigkeiten, entwickeln andere Prioritäten oder gewinnen Vertrauen in die eigene Bewältigungskompetenz.

Wer aber ohnehin unter einer Krise leidet, braucht nicht zusätzlich die Aufgabe, daraus unbedingt etwas Positives machen zu müssen. Eine schwierige Erfahrung darf auch einfach schwierig gewesen sein.

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress
Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Resilienz ist nicht dasselbe wie persönliches Wachstum

Resilienz wird häufig mit besonderer Stärke gleichgesetzt. Dabei geht es gar nicht nicht darum, möglichst unbeeindruckt durch das Leben zu gehen oder nach jeder Belastung ein besserer Mensch zu sein.

Resilienz beschreibt vielmehr die Fähigkeit beziehungsweise den Prozess, sich an Belastungen und Veränderungen anzupassen und trotz schwieriger Umstände psychisch möglichst stabil oder wieder handlungsfähig zu werden.

Und wie das gelingt, kann von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation unterschiedlich sein.

Ein Mensch kann nach einer Krise zu seinem bisherigen Gleichgewicht zurückfinden. Manchmal muss aber der Alltag oder die Erwartungen nach einer Krise angepasst werden. Und manche Menschen werden durch eine Erfahrung tatsächlich nachhaltig verändert.

Veränderung ist nicht automatisch Wachstum.

Warum wir schwierigen Erfahrungen gern einen Sinn geben

Wir wollen verstehen, warum uns etwas passiert ist. Gerade nach belastenden Ereignissen kann es hilfreich sein, die eigene Geschichte einzuordnen und eine Bedeutung darin zu finden.

Vielleicht stellen wir fest, dass wir mutiger gehandelt haben, als wir uns zugetraut hätten oder wir erkennen, welche Menschen uns wirklich unterstützen. Solche Erkenntnisse können wertvoll sein.

Problematisch wird es jedoch, wenn wir glauben, dass jede Krise eine verborgene Botschaft oder eine besondere Chance enthalten müsse. Denn manchmal sind einfach nur die Umstände ungünstig. Oder wir erleben Verluste, auf die wir keinen Einfluss haben. Und manchmal hätten wir auf eine Erfahrung lieber verzichtet, selbst wenn wir im Nachhinein etwas daraus gelernt haben.

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Auch Stabilisierung ist ein Erfolg

In meinen Resilienztrainings ist mir ein Gedanke besonders wichtig: Wir sollten psychische Widerstandskraft nicht daran messen, wie schnell jemand nach einer Belastung wieder funktioniert.

Menschen verfügen über unterschiedliche Ressourcen. Auch die Art, Dauer und Intensität einer Belastung spielen eine Rolle.

Wer nach einer schwierigen Phase wieder besser schlafen kann, den Arbeitsalltag bewältigt, soziale Kontakte pflegt oder sich zunehmend sicherer fühlt, hat möglicherweise bereits viel erreicht.

Und dennoch darf dieser Mensch weiterhin Unterstützung brauchen und und muss nicht sagen: „Diese Erfahrung hat mich stärker gemacht.“

Wieder Stabilität zu finden, ist bereits ein großer Erfolg. 

Was hilft, wenn wir gerade mitten in einer Krise stecken?

Wenn wir eine belastende Situation erleben, müssen wir uns nicht sofort fragen, was wir daraus lernen können.

Hilfreicher können zunächst ganz andere Fragen sein:

Was brauche ich gerade, um mit der Situation umzugehen?

Was liegt in meinem Einflussbereich?

Welche Erwartungen kann ich vorübergehend loslassen?

Was wäre im Moment ein realistischer nächster Schritt? 

Diese Fragen richten den Blick auf das, was jetzt unterstützen könnte – statt bereits ein positives Ergebnis der Krise vorauszusetzen.

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Und wenn wir später doch daran wachsen?

Natürlich gibt es Menschen, die rückblickend sagen, dass sie durch eine Krise selbstbewusster, klarer oder widerstandsfähiger geworden sind.

In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang auch von posttraumatischem Wachstum gesprochen. Gemeint sind positive Veränderungen, die Menschen nach der Auseinandersetzung mit besonders belastenden Erfahrungen wahrnehmen können.

Solche Veränderungen sind allerdings weder garantiert noch eine Voraussetzung für Resilienz. Wir müssen uns deshalb nicht zwischen zwei Sichtweisen entscheiden.

Eine Krise kann uns etwas gekostet haben und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnen.

Wir können an einer Erfahrung wachsen und trotzdem wünschen, sie wäre uns erspart geblieben.

Und wir können eine Krise bewältigen, ohne darin irgendeinen persönlichen Gewinn zu erkennen.

Fazit: Wir müssen aus Krisen keine Erfolgsgeschichten machen

Es ist gut, wenn Menschen nach schwierigen Erfahrungen neue Zuversicht entwickeln, eigene Fähigkeiten entdecken oder ihr Leben bewusster gestalten. Aber daraus sollte keine Erwartung werden.

Resilienz bedeutet nicht, aus jeder Krise gestärkt hervorzugehen, sonern: Belastungen auszuhalten, Unterstützung anzunehmen, sich anzupassen und Schritt für Schritt wieder Stabilität zu finden.

Wir müssen nicht an jeder schwierigen Erfahrung wachsen. Es ist bereits eine beachtliche Leistung, eine schwierige Zeit überstanden und wieder festen Boden unter den Füßen gefunden zu haben. 

Achtsamkeitspause im Arbeitsalltag – Mini-Pause gegen Stress

Häufige Fragen

Nein. Menschen können durch Krisen neue Fähigkeiten oder Perspektiven entwickeln, aber persönliches Wachstum ist keine notwendige Folge. Auch die Wiederherstellung von Stabilität und die Bewältigung des Alltags können wichtige Ergebnisse sein.

Resilienz beschreibt Anpassungs- und Bewältigungsprozesse bei Belastungen. Posttraumatisches Wachstum bezeichnet positive Veränderungen, die Menschen nach der Auseinandersetzung mit besonders belastenden Erfahrungen wahrnehmen können. Wachstum ist jedoch weder garantiert noch eine Voraussetzung für Resilienz.

Ja. Belastende Erfahrungen können Kraft kosten und das Gefühl der eigenen Belastbarkeit vorübergehend oder längerfristig beeinträchtigen. Wie Menschen darauf reagieren, hängt unter anderem von der Art der Belastung, ihren Ressourcen und den verfügbaren Unterstützungsmöglichkeiten ab.

Resilienz kann dabei unterstützen, mit Unsicherheit umzugehen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und hilfreiche Ressourcen zu nutzen. Dazu können soziale Unterstützung, realistische Erwartungen, Entlastung und kleine machbare Schritte gehören.

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